Schnee ist Schnee ist Schnee

Und sie tappt übers eisige Deck, wandelt gehüllt in Decken, schlittert zur Reling, tritt auf einen wollenen Zipfel, im Rutschen fasst sie die Lehne eines einsamen Liegestuhls, das Sitzgeflecht mit Raureif bezogen, matt greift sie nach einer weiteren Decke, fixiert den Horizont, mit schwankendem Magen, fixiert die spitzen Berge, die Eisschollen, zählt in Gedanken bis hundert, bis tausend, jetzt wankt auch der Horizont und sie denkt an Blumen, weisse Alpenblumen, Anemonen, Edelweiss und Wollgras. Dreissig oder auch hundert Worte für Schnee sollen die Inuit kennen, ihr fällt nur eins ein, Schnee ist Schnee ist Schnee und ihr ist schlecht, ein kristallenes Treiben im Kopf, ein Gewirr aus Dendriten, Sektorenscheiben, Nadeln, massiven Säulen, Projektilen, Sternen mit sektorierten Spitzen, hohen Säulen, klumpigen Graupeln, möwenartigen Kristallen, Plättchen mit einfachen Fortsätzen, Rollen, Vierendern und zwölfarmigen Dendriten, Scheiben mit breiten Armen, hexagonalen Plättchen, und dann Sterne mit räumlichen Plättchen, Ansammlungen von hohlen Projektilen, Kombinationen aus Scheiden, Plättchen mit dentrierten Fortsätzen, Sterne mit Rollen und für sich allein herabschneiende Ebenen. Sie fixiert den Horizont, eingetrübt von Wolken, will die Flocken zählen, ihre Muster lesen, jede einzelne Flocke entziffern, sie hofft, der Himmel möge das Schwanken zudecken, alles Weiss und Ruhe, wie viele Arten von Eiskristallen es gibt, für jede mögliche Existenz formt die Schneephysik einen Begriff, endlos viele Wortkombinationen, für jede Flocke einen Namen. Aber der Schnee als Ganzes bleibt ihr sprachlos. Eher könnte sie Vogelfedern aufzählen, Möwenfedern und Seeschwalbenfedern und Tölpelfedern. Aber welcher Vogel verliert schon Gefieder im dichten Schneetreiben; der vernünftige Vogel mausert sich im Frühling. Dann fällt eine sanfte Daunendecke auf die Alpenblumen, wärmt in kalten Bergnächten den Swalbardmohn und die weissen Blütchen des Steinbrechs. Seit einer Stunde harrt sie allein an Deck, derweil ihr Mann in der Kajüte schläft. Wohl träumt er dahin in seiner Resistenz, Resilienz, sagte er Paartherapeut und liess sie beide einen Garten Eden zeichnen, sie malte ein paar Blumen, rote und gelbe und blaue, schielte dann verstohlen zu ihm hinüber, ein Haus hatte er aufs Blatt gekritzelt, mit einem Zaun drum, jede Stakete mit dem Lineal hochgezogen, und sie sah nur bunte Blütenblätter, losgerissen vom Wind, Flocke um Flocke verblasste, bis nur weisses Gestöber blieb im Kopf, und die Uebelkeit im Magen.

Am Abend sass er mit zwei Flaschen Wein und viel Käse am Tisch, die Schultern eingesunken, den Kopf in die Hände gestützt, ein seufzender, vorwurfsvoller Brocken Mann, ass und trank trotzig vor sich hin, schweigend wie ein Fels. Als die zweite Flasche halb leer war, baute sie sich hinter ihm auf: Entweder du redest mit mir, oder ich gehe. Er antwortet mit einer Gallenkolik. Werde erwachsen, sagt sie ihm im Krankenhaus, und nimm deine Verantwortung wahr, ich will nicht weiter reden wie deine Mutter. Am nächsten Morgen dann beim Frühstück am Krankenbett, sein Vorschlag in die klirrende Stille zwischen ihnen, wir machen eine Kreuzfahrt, wir beide ins Eis, in die grosse Leere der Arktis, und fangen nochmals neu an, wie hätte sie ihm diesen Wunsch ausschlagen können. Nein, sie hat nicht mehr geredet wie seine Mutter, und er hat sich zurückgehalten mit Wein und Käse, hat sich dem Gemüse zugewendet und der regelmässigen Bewegung. Sie haben geübt miteinander zu reden, sie sind sogar zurückgekehrt für die nächste Therapiesitzung, haben dem Psychiater gesagt, dass sie beide lieber nicht mehr zeichnen möchten. Sie haben sich mit Kommunikationsstrategien und Verhaltensmustern auseinandergesetzt, liessen sich belehren über gegenseitiges Verständnis, über Toleranz, Achtsamkeit und Verzeihen. So viel Mühe, denkt sie ins Schneetreiben hinaus, aber wenigstens rede ich nun nicht mehr wie seine Mutter. Und er trägt seiner Gesundheit etwas mehr Sorge, immerhin, er frisst nicht mehr alles in sich hinein, muss nicht mehr so viele Tabletten gegen Sodbrennen schlucken, die gemeinsamen Nächte sind ruhiger geworden. Nun liegt er in der Kajüte und schläft wohl den Schlaf des Gerechten, und ihr ist schlecht, der Horizont schwankt, Schneeflocken senken sich auf die Wolldecken, nisten sich in ihr Haar, und sie denkt an Vogelfedern, Blütenblätter.

Aber da täuscht sie sich, sie ist nicht allein. Achtsam tritt er hinter sie, mit einer Tasse Ingwertee, streicht ihr Schneekristalle aus dem Haar, Dendriten, Stäbchen und Plättchen und Projektile, streicht die Flocken von den Wolldecken, sie trinkt einen Schluck von dem dampfenden Tee, greift nach seiner Hand, der Schnee wird heller, lichter. Wie viele Worte haben wir für Schnee, fragt sie, 30 wie die Inuit, oder gar hundert? Pulverschnee, Harsch, Bruchharsch, zählt er auf, Neuschnee, Altschnee, Sulz, Matsch, Griesel, Feinschnee, Firn, Büsserschnee. Das sind erst elf, sagt sie. Und er frotzelt, erstens sei er kein Inuit, und zweitens gebe es diverse Inuitsprachen, und die Sprachforscher hätten wohl alle Begriffe aus allen Dialekten addiert, und ausserdem kannten die Isländer noch viel mehr Worte für Schnee, die hätten einen Ausdruck für Schnee mit Wind und einen für Schnee, der auf einen gestrickten Pullover rieselt. Das macht schon dreizehn, sagt sie, und etwas grosses Weisses fällt vom Himmel, ein zerzaustes Bündel Federn, zuckend. Beide schrecken sie auf, und knien sich alsbald vor dem Vogel hin, identifizieren ihn als Sturmmöwe, der linke Flügel ist gebrochen, das erkennen sie sofort. Matt wehrt sich die Möwe, als sie sie in eine der Decken wickeln. Ruhig wiegt sie das Bündel, geht übers Deck auf die Türe zu, der Vogel ist nun still in ihren Armen. Er öffnet ihr die Tür. Am Buffet packt er eine geräucherte Makrele ein. Sie bettet die Möwe auf ihr Kissen, reicht ihr einen Fetzen Fisch, die Möwe hackt sie in den Finger, sie kackt das Kissen voll, schliesslich legt sie den Kopf ins Gefieder und schläft, lass sie nun, sagt ihr Mann, lass uns auch schlafen, und er schlägt die Decke seines Betts zurück, und sie schmiegt ihre nackten Schenkel um seine Beine, komm lass uns auch schlafen.

Erschienen in «Dreissig Worte für Schnee», Erzählungen und Gedichte